Die Antibabypille scheint das Verhütungsmittel Nummer eins zu sein – jedenfalls wenn man von der Anzahl der Verwenderinnen ausgeht. Junge Frauen bekommen die Pille nicht nur zwecks Verhütung verschrieben, sondern nutzen dieser gerne auch prophylaktisch gegen unreine Haut. Die enthaltenen Gestagene (Schwangerschaftshormone) können die Talgproduktion der Haut mindern und Hautunreinheiten sowie das schnelle Nachfetten der Haare verhindern. Auf den ersten Blick scheint die Antibabypille also ein Wundermittel für verhütende Frauen zu sein. Doch nicht erst seit gestern häufen sich die Berichte über die zahlreichen Nebenwirkungen der verschiedenen Präparate. Eine schwerwiegende Nebenwirkung, die immer näher ins Visier rückt, ist die Depression.

Antibabypille: Depression & Suizidgefahr

Die Liste der Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel von Antibabypillen ist lang. Auch Stimmungsschwankungen als Nebenwirkung sind bereits seit Längerem mit aufgeführt. Neu ist, dass die Hersteller in ihren Beipackzetteln jetzt auch vor Depressionen und Suizidgefahr warnen müssen. Doch wie groß ist das Risiko tatsächlich: Geht es hier nur um eine rechtliche Absicherung oder ist die Wahrscheinlichkeit, nach der Einnahme der Antibabypille an einer Depression zu erkranken, tatsächlich höher als bisher angenommen?

Stimmungsschwankungen bei bis zu 10 von 100 Frauen

Die Stimmungsschwankungen sind in der Regel mit einer Häufigkeit von 1 bis 10 Fällen pro 100 Frauen angegeben. Das Problem: Wo Stimmungsschwankungen aufhören und depressive Verstimmungen beginnen, kann nicht immer eindeutig geklärt werden. Außerdem ist die Dunkelziffer der Frauen, die nicht sofort an die Antibabypille denken, wenn sie unter Melancholie oder depressiven Episoden leiden, recht hoch. Die europäische Arzneimittelagentur hat deshalb empfohlen, den Warnhinweis im Beipackzettel der Präparate künftig zu erweitern. In Deutschland hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Hersteller bereits verpflichtet, diese Empfehlung umzusetzen.

Dänische Studie: Zusammenhang zwischen Pille & Depression nachweisbar

Erstmals näher beleuchtet wurde der Zusammenhang zwischen Antibabypille und Depression in einer 2016 von Forschern der Universität Kopenhagen durchgeführten Studie. Die Wissenschaftler bezogen sich dabei auf Daten von über einer Million dänischer Mädchen und Frauen im Alter zwischen 15 und 34 Jahren, die über einen mittleren Zeitraum von sechs Jahren erhoben wurden. Knapp 56 % der untersuchten Mädchen und Frauen nahmen in dieser Zeit hormonelle Verhütungsmittel ein. Auffallend war, dass die Frauen, welche die Antibabypille einnahmen, häufiger Antidepressiva verschrieben bekamen als Frauen, die auf diese Verhütungsmethode verzichteten. Sogar die Anzahl stationärer Behandlungen aufgrund einer Depression war bei den Frauen, die hormonell verhüteten, höher. Dieses Phänomen trat besonders zu Beginn der Anwendung auf. Auf alle untersuchten Frauen bezogen verzeichneten die Forscher ein um 40 % erhöhtes Risiko, innerhalb der ersten sechs Monate nach der ersten Einnahme der Pille an einer Depression zu erkranken. Bei Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren war das Risiko sogar um 80 % erhöht.

Suizidgefahr scheinbar ebenfalls erhöht

Die gleichen dänischen Wissenschaftler veröffentlichten Ende 2017 eine weitere Studie, in der hormonelle Verhütungsmittel mit einem Anstieg des Suizidrisikos in Zusammenhang gebracht werden. Es wurden Daten von 475.802 Frauen ausgewertet, 6.999 von ihnen begangen mindestens einen Suizidversuch, 71 töteten sich selbst. Es zeigte sich, dass das Risiko für einen Suizidversuch bei hormoneller Verhütung im Vergleich zu nicht hormoneller (oder gar keiner) Verhütung doppelt so hoch war. Auch in dieser Studie waren vor allem Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren im ersten Anwendungsjahr der Pille betroffen. Danach sank das Risiko wieder leicht.

Pillen mit androgener Wirkung wirken sich etwas häufiger negativ auf die Psyche aus als andere Formen der Antibabypille. Enthält das Präparat Levonorgestrel (ein synthetisches Gestagen, das in höherer Konzentration auch in der Pille danach enthalten ist), zählen außerdem Übelkeit, Schlafstörungen sowie unregelmäßige Blutungen zu den möglichen Nebenwirkungen.

Trotz allem kein Grund zur Panik

Fakt ist, dass die Einnahme von Kombipräparaten und Minipillen einen starken Eingriff in das hormonelle Gleichgewicht des Körpers bedeutet und damit neben körperlichen Beschwerden auch psychische Probleme auslösen kann. Vor allem zu Beginn der Einnahme muss sich der Körper an die tägliche Hormonzufuhr gewöhnen. Die Studien zeigen, dass die häufigsten Nebenwirkungen vor allem in dieser Phase auftreten.

Außerdem kann nicht ausgeschlossen werden, dass bei den Erhebungen auch andere Faktoren an der Entstehung einer Depression mitgewirkt haben und die Einnahme der Pille “nur” ein verstärkender Faktor war. Trotz allem muss die Gefahr ernst genommen werden. Anwenderinnen sollten Nebenwirkungen stets unverzüglich mit ihrem Frauenarzt / ihrer Frauenärztin besprechen und zu Beginn eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung vornehmen. Leider klären viele Ärzte bislang unzureichend über potentielle Nebenwirkungen auf.

Wissenswert: Weder die obligatorische Grundversicherung noch eine optionale Zusatzversicherung übernimmt die Kosten für Verhütungsmittel wie die Antibabypille.

Quellen & Verweise

https://ajp.psychiatryonline.org/doi/10.1176/appi.ajp.2017.17060616